← Zurück zur Startseite

TIME BEYOND MEASURES

Ein Beitrag im Rahmen des (Re)Search and Share Programms des Kunsthauses.

Die Video-Skulptur „Time–Image“ von Sybille Neumeyer wurde im Rahmen der Ausstellung „Listening to the Stones“, kuratiert von Miya Yoshida in Zusammenarbeit mit Christiane Mennicke Schwarz und Kerstin Flasche  im Kunsthaus Dresden 2021/2022 gezeigt. „time beyond measures“ ermöglicht einen Einblick in die Recherche der Künstlerin im Jahr 2017 im Dialog mit Forscher*innen des DESY (Deutsches Elektronen-Synchrotron in Hamburg).

Im Ausstellungsraum sehen wir oft nur das fertige Produkt – Kunst entsteht jedoch fortlaufend, in einem Prozess des Wachstums und der Veränderung. Das Format (Re)Search & Share soll Recherchen, Prozesse, Zwischenstände und künstlerische Experimentierfelder zugänglich machen. Die Beiträge der Künstler*innen im (Re)Search & Share bieten die Möglichkeit der thematischen Vertiefung, des Perspektivwechsels und Material zu präsentieren, das für die Besucher:innen einer Ausstellung oft nicht erfahrbar gemacht werden kann.

»Verursacht Zeit Schwerkraft?«

Die Forscher*innen bei DESY untersuchen die Struktur, Dynamik und Funktion der Materie in vier Forschungsbereichen: Beschleuniger, Forschung mit Photonen, Teilchenphysik und Astroteilchenphysik.

In Gesprächen mit Wissenschaftler*innen diskutieren wir Albert Einsteins allgemeine Relativitätstheorie, die besagt, dass dort, wo die Schwerkraft stärker ist, die Zeit langsamer vergeht – ein Phänomen, das man Zeitdilatation nennt. Die Schwerkraft ist also näher am Erdmittelpunkt stärker, was auch bedeutet, dass die Zeit näher am Boden langsamer vergehen sollte. Weiter erklärt man mir, dass nach Einstein die Schwerkraft auch durch eine Verformung von Raum und Zeit verursacht wird…

 

 

»Beschleunigung«

 

Der HERA Beschleunigungs-Ring des DESY (Deutsches Elektronen-Synchrotron) in Hamburg.
In diesem Beschleuniger wurden bis 2007 Teilchenphysikexperimente durchgeführt.
Der HERA Beschleunigungs-Ring des DESY (Deutsches Elektronen-Synchrotron) in Hamburg. In diesem Beschleuniger wurden bis 2007 Teilchenphysikexperimente durchgeführt.
Briefmarke der deutschen Post mit dem DESY als Motiv, 1984
Briefmarke der deutschen Post mit dem DESY als Motiv, 1984

Warning: Trying to access array offset on value of type bool in /home/www/wp-content/themes/kunsthaus_on_bones_v2/single-showrooms.php on line 223

Warning: Trying to access array offset on value of type null in /home/www/wp-content/themes/kunsthaus_on_bones_v2/single-showrooms.php on line 223
XFEL schematische Zeichnung
XFEL schematische Zeichnung
XFEL Montagehalle
XFEL Montagehalle

DIE ZEITPROJEKTIONSKAMMER (TPC)

Die Zeitprojektionskammer (auch Spurendriftkammer genannt) ist ein Teilchendetektor, der eine dreidimensionale Rekonstruktion von Spuren elektrisch geladenere Teilchen ermöglicht. Die TPC verwendet eine Kombination aus elektrischen und magnetischen Feldern zusammen mit einem empfindlichen Gas- oder Flüssigkeitsvolumen, um eine dreidimensionale Rekonstruktion einer Teilchenflugbahn oder einer Wechselwirkung durchzuführen.

Driftkammer des ARGUS-Detektors (im DORIS Speicherring, DESY) mit über 30000 Drähten.
Driftkammer des ARGUS-Detektors (im DORIS Speicherring, DESY) mit über 30000 Drähten.

»Projektionen der Zeit…«

Welche Zeit ist das Maß in einer hoch beschleunigten Welt?

Geologische Zeit?

Physikalische Zeit?

Himmlische Zeit, ein kosmischer Rhythmus?

Tiefenzeit?

Traumzeit?

Zeiten von Körpern?

Die Geschwindigkeit, mit der sich das Licht durch den Raum bewegt?

Bilder pro Sekunde?

 

Gibt es Zeit, wenn wir sie nicht beobachten können? 

Was passiert mit der Zeit, wenn sie projiziert, vermittelt wird?

Wie kann eine filmische Zeit die Echtzeit verzerren?

Kann sie Schwerkraft erzeugen? 

 

»Entschleunigung«

Während das so genannte Anthropozän die planetaren Einflüsse des Menschen aus einer geologische Perspektive zu fassen versucht, die die Frage nach der körperlichen Zeitlichkeit und der Rolle der Körper in der Geschichte der Geologie aus den Augen verliert, frage ich mich, was wir von Steinen – die eine tiefe Zeit verkörpern – über das Sein in der Zeit lernen können? Und, wie wir in einer immer schneller werdenden Welt an Schwerkraft gewinnen und entschleunigen können?

 

 

 

»time is out of joint and presents itself in the pure state. The time-image does not imply the absence of movement (even though it often includes its increased scarcity) but it implies the reversal of the subordination; it is no longer time which is subordinate to movement; it is movement which subordinates itself to time.« (Gilles Deleuze, Cinema 2, p.271)

»Die Zeit ist aus den Fugen geraten und präsentiert sich im reinen Zustand. Das Zeitbild impliziert nicht die Abwesenheit von Bewegung (auch wenn es oft ihre zunehmende Verknappung einschließt), sondern es impliziert eine Umkehrung der Unterordnung; es ist nicht mehr die Zeit, die der Bewegung untergeordnet ist, sondern die Bewegung, die sich der Zeit unterordnet.« (Gilles Deleuze, Cinema 2, S.271; übersetzt von Sybille Neumeyer)

 

Kann kinematografische Raumzeit unsere Schwerkraft, unsere Erdung in der beschleunigten Zeit verändern?

Inspiriert durch Gilles Deleuze’s Konzept „time-image“ übersetze ich die sogenannte „Echtzeit“, bzw das Maß unserer Zeitmessung – die Erdumdrehung, in einer kinematographischen Versuchsanordnung in einen geologischen Körper, der frei von Schwerkraft und losgelöst von Raum auf eine schwarze Leinwand projiziert wird. Er dreht sich einmal am Tag um seine eigene Achse, genauso wie die Erde selbst. Die Erd-Rotationsgeschwindigkeit von 1670 km pro Stunde am Äquator und ca 1000 km pro Stunde in europäischen Breitengraden lässt sich dennoch nicht mit dem bloßen Auge wahrnehmen.

In meinem Versuch einer direkten Repräsentation von Zeit bewege ich mich in einer medialen Fiktion, die Projektion der aufgenommenen Echtzeit wirft diese automatisch mit jedem Screening, mit jeder Drehung weiter in die Vergangenheit. Dennoch eröffnet sie gleichzeitig die Vorstellung von einer gleichsam linear und zirkulär voranschreitenden Zeit, während sich im vermeintlichen Stillstand des Bewegtbildes Moment und Ewigkeit nähren.

 

 

»Dream-images […], they project the sensory-motor situation into infinity, sometimes by ensuring the constant metamorphosis of the situation, sometimes by replacing the action of characters with a movement of the world.« (Gilles Deleuze, Cinema 2, p.273)

»Traumbilder […], sie projizieren die sensomotorische Situation ins Unendliche, manchmal indem sie für eine ständige Metamorphose der Situation sorgen, manchmal indem sie die Handlung der Figuren durch eine Bewegung der Welt ersetzen.« (Gilles Deleuze, Cinema 2, p.273; übersetzt von Sybille Neumeyer)

Bilderfolge von Standbildern aus »time–image« (»Zeit-Bild«). Das Video dauert so lang, wie die Erde braucht, um sich um ihre eigene Achse zu drehen. Diese Zeitspanne von insgesamt 23 Stunden 56 Minuten und 4 Sekunden nennt man auch einen
Bilderfolge von Standbildern aus »time–image« (»Zeit-Bild«). Das Video dauert so lang, wie die Erde braucht, um sich um ihre eigene Achse zu drehen. Diese Zeitspanne von insgesamt 23 Stunden 56 Minuten und 4 Sekunden nennt man auch einen "Sterntag".
Video-Rendering von »Time–Image«
Video-Rendering von »Time–Image«
Installation von »time–image« im XFEL Test Tunnel
Installation von »time–image« im XFEL Test Tunnel
Foto aus dem XFEL Tunnel während der Ausstellung
Foto aus dem XFEL Tunnel während der Ausstellung "dunkle Materie/Dark Matter" im DESY

»Dunkle Materie: Im übertragenen Sinne verweist sie auf das Unbekannte, das, was im Schatten des Bewusstseins liegt und sich dem Blick und dem Zugriff entzieht. Eine immaterielle Projektionsfläche, die Alles sein kann und Nichts, ein Mysterium das sich der Imagination zugleich versperrt und der Fantasie grenzenlose Vorstellungen eröffnet. In der Welt der Allegorien und der Bilder lässt sich die physikalisch herbeigeführte Teilchenkollision auch als energiegetriebener post-alchemistischer „Stein der Weisen“ auffassen, der statt Gold die noch fehlenden Elementarteilchen hervorzubringen vermag. Die alchemistischen Energien der Verwandlung, die Phänomene der Wirklichkeit in andere Zustände zu überführen und dem Nichtwahrnehmbaren Gestalt zu geben vermag, sind der Kunst grundsätzlich eigen: Sie selbst fungiert als Beschleuniger eines erweiterten Sehens, das andere Denk- und Bildwelten erschließt und in Aussicht stellt.«

(Auszug aus dem Text „Magic Matter“ von Belinda Grace Gardner für „Dark Matter“, 2017)

Besonderen Dank an Dr. Christin Schwanenberger, Marcel Große und das DESY Team für die Unterstützung des Projektes, sowie an Miya Yoshida und Kerstin Flasche.