Tagung

27. Sep – 28. Sep 2014

Break this unbearable silence!

Ort: Greatmore Studios, Cape Town

Restitution/Repatriation & human remains. Erste Aktivierung innerhalb des Projekts Artificial Facts / Künstliche Tatsachen

 

Eine Veranstaltung von Artefakte//aktivierung in Kooperation mit der Künstler/innengruppe Burning Museum (Cape Town) und Khoesmology (Memory Biwa, Cape Town)

Beitragende: Memory Biwa, Historikerin/Künstlerin, Windhoek (NA)/Cape Town (ZA); Shane Christians, Heritage Department, Kimberley (ZA); Sophie Goltz, Kuratorin, Berlin (DE); Larissa Förster, Ethnologin, Köln (DE); Michelle Monareng und Mbali Khoza, Center for Historical Reenactment, Künstlerinnen, Johannesburg (ZA); Ciraj Rassool, Historiker, Cape Town (ZA); Penny Siopis, Künstlerin, Cape Town (ZA); Burning Museum, Künstler/innengruppe, Cape Town (ZA); Artefakte//aktivierung, Künstler/innengruppe, Berlin (DE)

 

 

Im Zentrum dieser zweitägigen Aktivierung steht der Umgang mit so genannten human remains. Mit diesem Ausdruck wird in der gegenwärtigen Debatte um Repatriierungen aus Sammlungen mit (medizinisch-)anthropologischem Hintergrund bezeichnet, was nach seinem Tod nach einer juristisch festgelegten Dauer vom Menschen übrig bleibt. Darin impliziert sind ein universeller Respekt der Totenruhe und eine ethische Antwort auf die Geschichte des wissenschaftlichen Rassismus und seiner Verbrechen.

2011 und 2014 gingen insgesamt 55 Schädel und Skelette, die juristisch wie kulturell als human remains gefasst waren, also nach wie vor im Status von Objekten verblieben, aus der Sammlung der Berliner Charité nach Namibia über, von wo sie zu Beginn des 20. Jh. gewaltsam entwendet wurden. Diese Repatriierung von human remains soll in Cape Town aufgegriffen und in Richtung eines Prozesses von “becoming human” / Mensch-Werden aktiviert werden.

Bei der öffentlichen handover Zeremonie 2011 in Berlin waren zwei der Schädel unter einer Plexiglashaube zu sehen, die anderen waren in Kartons verpackt. Auf der Schwelle zwischen wissenschaftlichem Material und Person bzw. einem Leichnam wurde die kolonialrassistische Wissenschaftspraxis konkret entzifferbar. Sie haftete an den Schädeln, die Objektivierung und die invasiven Eingriffe – Beschriftungen und Schnitte der Säge – waren als „im Material“ visualisierte sichtbar geworden. Im konkreten Display der Übergabe in den Räumen der Charité war ihnen der vom deutschen Reich verübte Genozid sowie die aktuellen Debatten darum inhärent. Diese nunmehr dem wissenschaftlichen Kontext entrissenen (ehemaligen) Objekte legten eine nahezu beängstigend unkontrollierbare Unbestimmtheit und Offenheit in zeitlicher und räumlicher Hinsicht an den Tag, die wir als eine Aktivierung bezeichnen. Sie affizierten. Sie waren Objekte und zugleich Subjekte der Trauer und der Erinnerung. Sie waren Funktionsträger lokaler und/oder nationaler Interessen und zugleich Agenten in eigener Sache. Nicht individuell identifiziert waren sie erneut zu wissenschaftlichen Objekten geworden, nun der Provenienzforschung. An ihnen vermochte das eigens dafür eingerichtete Charité Humain Remains Project die gewaltsame Aneignung und Herkunft, u.a. aus dem kolonialen Konzentrationslager Shark Island, sowie die rassische Forschung deutscher Institute nachweisen. Weite Teile der Zuschauer/innen aus Namibia und aus Deutschland, die dem öffentlichen handover beiwohnten, nahmen die Schädel als Zeugen wahr, als matters of shame, als bones of contention und forderten in Sprechchören die Anerkennung des Genozids und eine Entschuldigung des deutschen Staates. Die als Gast der Charité eingeladene und als einziges Regierungsmitglied anwesende Staatssekretärin Pieper hat diese Situation unmittelbar nach ihrer Rede verlassen. Auf die Übergabe folgend gab es eine markante kritische Presseresonanz sowie eine parlamentarische Anfrage bezüglich des Verhaltens der Bundesregierung.

Die hier beschriebene Aktivierung, ebenso wie die damit verbundene seltene und konkrete Erschütterung wissenschaftlicher, kultureller wie emotionaler Gewissheiten möchten wir in dem zweitätigen Meeting in Cape Town aufgreifen und als multiperspektivische Verhandlung begreifen, an deren Ende nicht so sehr die Auflösung in einer (notwendigen) Regulierung oder in einem Werk, sondern die dichte Beschreibung dieser komplexen Situation selbst entstehen soll. (Artefakte//aktivierung)